Fasten Sonntag 2. 28Feb. Matt. Mesereoer
Liebe Schwestern und Brüder,
nach dem Katechismus der katholischen Kirche ist das Fasten eine Form der Buße. Es hilft uns, unser Herz von ungeordneten Bindungen zu reinigen und uns neu für Gott zu öffnen. Durch den freiwilligen Verzicht lernen wir Selbstbeherrschung, und wir wachsen in der Solidarität mit den Bedürftigen. So wird das Fasten zu einem Weg der Umkehr, der unser Gebet vertieft und unsere Nächstenliebe stärkt.
Die Fastenzeit ist daher nicht nur eine persönliche Zeit der Besinnung. Sie verbindet uns mit der ganzen Kirche weltweit – mit allen Christen, die in diesen Wochen bewusst auf etwas verzichten, um Raum für Gott und für den Nächsten zu schaffen. Besonders deutlich wird diese weltweite Verbundenheit durch die Fastenaktion der Kirche, vor allem durch Misereor. Der Name Misereor bedeutet: „Ich erbarme mich.“ Dieses Wort erinnert uns an Jesus Christus selbst, der sich unser erbarmt hat und uns mit liebenden Augen ansieht.
In der Fastenzeit sind auch wir eingeladen, dieses Erbarmen weiterzugeben – an die Menschen, die in großer Not leben. Es gibt viele Menschen auf dieser Welt, die hungern, die keine würdige Unterkunft haben, keine ausreichende Kleidung und keine sichere Zuflucht. Sie leiden unter Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt.
Ich selbst habe in Bangladesch erlebt, wie groß diese Not ist. In den Städten habe ich gesehen, wie arme und obdachlose Menschen Essen aus Mülltonnen suchen. Viele Kinder müssen arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Viele Familien leben ohne Würde, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und in den Kriegsgebieten unserer Welt leiden besonders Kinder, Frauen und alte Menschen unermesslich.
Liebe Schwestern und Brüder, für viele dieser Menschen ist Fasten keine freiwillige Entscheidung. Sie fasten nicht nur in der Fastenzeit – sie fasten das ganze Jahr über, weil sie nichts zu essen haben. Für sie ist die Fastenzeit kein religiöser Brauch, sondern bittere Realität. Was sie brauchen, ist Brot, Kleidung, Schutz, Würde und Frieden.
Gerade deshalb bekommt unsere Fastenzeit eine tiefere Bedeutung. Sie ruft uns auf, nicht nur weniger zu konsumieren, sondern mehr zu teilen. Sie lädt uns ein, unser Herz zu öffnen und konkret zu handeln. Schon unser kleines Opfer, eine kleine Spende, ein Akt der Liebe aus ganzem Herzen kann ein Leben retten oder verändern. Was für uns gering erscheint, kann für andere überlebenswichtig sein.
So wird unsere persönliche Fastenzeit zu einem gemeinsamen Weg der Barmherzigkeit. Unser Verzicht wird zur Hilfe, unser Gebet zur Hoffnung und unsere Liebe zur Tat. Das ist der wahre Sinn von Misereor: Ich erbarme mich. Wie Christus sich unser erbarmt hat, so wollen auch wir uns der Notleidenden erbarmen.
Liebe Schwestern und Brüder, im heutigen Evangelium hören wir die Stimme Gottes auf dem Berg der Verklärung:
„Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“
Diese Stimme gilt nicht nur Jesus. In der Tiefe unseres Glaubens gilt sie auch uns. In der Fastenzeit, wenn wir still werden, wenn wir verzichten, wenn wir beten, dann hören wir Gott sagen:
Du bist mein geliebter Sohn.
Du bist meine geliebte Tochter.
Gott liebt uns nicht wegen unserer Leistung, nicht wegen unseres Erfolges, sondern weil wir seine Kinder sind. Und gerade aus dieser Erfahrung der Liebe heraus ruft Gott uns, seine Liebe weiterzugeben – an die Armen, an die Leidenden, an die Vergessenen dieser Welt.
Bitten wir den Herrn in dieser Fastenzeit um ein waches Herz, um offene Augen und um den Mut, unsere Solidarität sichtbar zu machen. Dann wird diese Zeit für uns und für viele andere zu einer Zeit des Lebens, der Hoffnung und der Barmherzigkeit. Amen.
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